Stabilität und Wandel des Selbstwertgefühls

Autor*in:  | 3. Januar 2024

Orth, U. & Robins, R. (2014)

Leitartikel: The Development of Self-Esteem.

Selbstwertgefühl bezeichnet die individuelle Einschätzung einer Person bezüglich ihres eigenen Wertes als Individuum. Diese Einschätzung ist subjektiv und unabhängig von objektiven Fähigkeiten oder der Meinung anderer (vgl. Donnellan, Trzesniewski & Robins, 2011; MacDonald & Leary, 2012). Es ist wichtig zu betonen, dass Selbstwertgefühl nicht zwingend die tatsächlichen Talente einer Person widerspiegelt oder davon abhängig ist, wie andere sie bewerten. Gemäß der Konzeptualisierung von Rosenberg (1965, S. 31) handelt es sich beim Selbstwertgefühl um das “Gefühl, dass man ‘gut genug’ ist”. Personen mit einem hohen Selbstwertgefühl empfinden daher nicht notwendigerweise, dass sie anderen überlegen sind.
Im Wesentlichen beinhaltet Selbstwertgefühl Gefühle der Selbstakzeptanz und Selbstachtung. Im Unterschied dazu zeichnet sich übermäßige Selbstachtung und Selbstverherrlichung, wie sie bei narzisstischen Individuen zu finden ist (Ackerman et al., 2011), nicht durch ein gesundes Selbstwertgefühl aus. Selbstwertgefühl ermöglicht es einer Person, sich selbst als wertvoll und liebenswert anzuerkennen, unabhängig von externen Einschätzungen oder Vergleichen mit anderen. Es ist daher ein bedeutender Faktor für das emotionale Wohlbefinden und beeinflusst das Verhalten sowie die zwischenmenschlichen Beziehungen.

Der vorliegende Artikel beantwortet die folgenden drei Fragen:

1) Wie verändert sich das Selbstwertgefühl in den verschiedenen Lebensphasen?
Zahlreiche Studien konnten zeigen, dass das Selbstwertgefühl von der Jugend bis zum mittleren Erwachsenenalter ansteigt, das Maximum in einem Alter von ungefähr 50 bis 60 Jahren erreicht und anschließend mit zunehmendem Alter abfällt. Letztere Entwicklung kann erklärt werden durch eine Verschlechterung der Gesundheit, der kognitiven Fähigkeiten und des sozioökonomischen Status (Orth et al., 2010; Wagner, Gerstorf, et al., 2013). Wie groß das Ausmaß des Rückgangs im hohen Alter wirklich ausfällt, ist in der Literatur noch umstritten und bedarf weiterer Forschung.
Bezüglich der Entwicklung des Selbstwertgefühls wurden verschiedene Faktoren untersucht, welche diese beeinflussen könnten.

Bezüglich eventueller Geschlechterunterschiede zeigten Studien zwar, dass Männer durchschnittlich über ein höheres Selbstwertgefühl als Frauen verfügen, jedoch zeigten sich in dem Entwicklungsmuster keine Unterschiede.

Die Ethnie schien hingegen Auswirkungen auf die Selbstwertentwicklung zu haben, Angehörige ethnischer Minderheiten wiesen andere Muster auf, als Angehörige der Mehrheitsgruppe.

Auch Persönlichkeitsmerkmale, wie beispielsweise emotionale Stabilität, Gewissenhaftigkeit und Extraversion, beeinflussen die Entwicklung des Selbstwertgefühls. Personen, welche jene Eigenschaften aufweisen, neigen eher zu einer positiven Steigerung, als Personen ohne diese Merkmale.

Hier scheinen vor allem Verarbeitungs- und Denkmuster ausschlaggebend. Beispielsweise konnte eine Studie von Crocker und wolfe (2001) zeigen, dass das Ausmaß der Selbstwertschwankungen als Reaktion auf äußere Eventualitäten (wie Erfolgs- und Misserfolgserlebnisse) Hinweise auf den generellen Selbstwert ist.

In diesem Zuge wird davon ausgegangen, dass das Selbstwertgefühl sich mit zunehmenden Alter immer weiter festigt und im Laufe der Jugend- und Erwachsenenjahre weniger kurzfristige Schwankungen aufweist.

2) Wie stabil sind individuelle Unterschiede im Selbstwertgefühl über lange Zeiträume hinweg?
Entgegen gegenteiliger theoretischer Behauptungen konnten zahlreiche Studien zeigen, dass wir über die verschiedenen Lebensphasen hinweg eine Selbstwert-Grundlage aufzubauen scheinen, welche größtenteils resistent gegenüber äußeren Faktoren ist. Dieser Effekt zeigte sich unabhängig vom Geschlecht und Alter.

Es kann also davon ausgegangen werden, dass es sich bei dem Selbstwertgefühl um eine relativ stabile, aber keineswegs unveränderliche Eigenschaft handelt. Die relative Ausprägung (d. h. wo diese Person im Verhältnis zu anderen steht) kann demnach über Jahrzehnte hinweg vorhergesagt werden.

3) Und schließlich ist das Selbstwertgefühl wirklich von Bedeutung – beeinflusst es wichtige Lebensergebnisse? Oder ist ein hohes Selbstwertgefühl lediglich ein Folge des Erfolgs in diesen Bereichen?
Überdies hat ein hohes Selbstwertgefühl empirisch nachgewiesen sehr positive Auswirkungen auf verschiedene Lebensbereiche, wie Beziehungen, Arbeit und Gesundheit. Möglicher Ergebnisse waren zum Beispiel Ehe- und Beziehungszufriedenheit, Größe des sozialen Netzwerks und soziale Unterstützung, körperliche Gesundheit, geistige Gesundheit, Bildung, Beschäftigungsstatus, beruflicher Erfolg und Arbeitszufriedenheit sowie kriminelles Verhalten. Dies macht die Entwicklung des Selbstwertgefühls und dessen Förderung zu einem gesellschaftlich relevanten Thema.

Daher sollte die Forschung in diesem Bereich verstärkt werden, um so genauere Kenntnisse zu erlangen bezüglich der Wirkung des Selbstwertgefühls als Prädiktor für den Lebenserfolg, sowie möglicher Faktoren, die die Entwicklung des Selbstwertgefühls beeinflussen.

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