Die Rolle von Träumen in der psychologischen Diagnostik

Autor*in:  | 12. Januar 2024

Cordonnier, M. (2024)

Leitartikel: „Träume sind ein Fenster zur psychischen Gesundheit“.

Basierend auf einem Interview mit der französischen Professorin für Neurologie, Isabelle Arnulf, beschreibt dieser Artikel, inwieweit unsere Traumwelt Rückschlüsse auf Depressionen, Psychosen und Hirnerkrankungen erlaubt und somit die Diagnostik psychischer Erkrankungen erleichtern kann.

Träume können laut Matthew Walker als eine Art „Kopfkino“ betrachtet werden, welche uns dabei helfen, schwierige Situationen noch einmal zu erleben und somit besser zu verarbeiten. Der Professor für Neurowissenschaften und Psychologie an der University of California in Berkeley geht davon aus, dass die Amygdala, also jene Hirnregion, welche für die Entstehung und Speicherung von Emotionen zuständig ist, zusammen mit dem Hippocampus dafür sorgt, dass Informationen (ohne die zuvor empfundene emotionale Belastung) dauerhaft im Neokortex, dem Sitz des Langzeitgedächtnisses, gespeichert werden.

Diese nächtliche Dämpfung negativer Emotionen führt beispielsweise dazu, dass Menschen morgens nach dem Aufstehen tendenziell einen positiveren Affekt aufweisen, als beim Einschlafen.

Phänomene, welche häufig im Zusammenhang mit Träumen als „gruselig“ oder alarmierend empfunden werden, wie beispielsweise der „Nachtschreck“ (Pavor nocturnus) bei Kindern, Schlafwandeln oder Schlaflähmung, sind grundsätzlich nicht unbedingt ein Hinweis auf eine psychische Erkrankung. Ähnlich, wie auch bei Albträumen, sind häufige Auslöser Stress, Schlafmangel oder auch Schlafapnoe (Atemaussetzer). Etwa 5% der Bevölkerung leiden seit ihrer Geburt unter wiederkehrenden Albträumen, ohne, dass hierfür eine Ursache festgestellt werden kann.

Differenziert werden sollte jedoch zwischen Schlafwandeln und einer REM-Schlaf-Verhaltensstörung. Während Ersteres vor allem bei jüngeren Personen beobachtet wird, sind Betroffene der Verhaltensstörung in der Regel über 50 Jahre alt. Meist gegen Ende der Nacht werden sie unruhig, stehen jedoch nicht aus dem Bett auf. Stattdessen werden Trauminhalte motorisch umgesetzt, zum Beispiel in Form von Kau-, Wälz- oder Kampfbewegungen. Während es sich beim Schlafwandeln um einen nicht-pathologischen Normalzustand handelt, liefert die REM-Schlaf-Verhaltensstörung einen Hinweis auf eine neurodegenerative Erkrankung, wie Parkinson. Es konnte gezeigt werden, dass mehr als 80% der Betroffenen innerhalb der nächsten 10 bis 15 Jahre eine solche Erkrankung entwickelten. Grund hierfür ist eine Vorschädigung des Hirnstammes, welche unter anderem die Hemmung der Motorik im Schlaf verhindert.

Allein aus Traumanalysen sollten laut Isabelle Arnulf keine Diagnosen psychischer Störungen abgeleitet werden und auch die Identifizierung von störungsspezifischen „Traumtypen“ sollte nur unter Vorbehalt geschehen. Dennoch werden im Artikel einige Tendenzen benannt, welche im Folgenden kurz beschrieben sind.

Beispielsweise typisch für die Träume von Parkinsonpatienten, sind gewalttätige Inhalte, sowie Assoziationen mit Tieren, was ebenfalls auf die Schädigung des Frontallappens zurückzuführen ist.

Für Menschen mit schizophrenen Psychosen sind es vor allem die unlogischen, unzusammenhängenden und sich wiederholenden Gedankengänge der Tageszeit, welche sie auch in der Nacht häufig zu begleiten scheinen.

Eine ebenfalls eher karge Traumwelt zeigt sich oft bei Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung.

Hinweise auf Depressionen, Angsterkrankungen oder Posttraumatischen Belastungsstörungen sind unter anderem regelmäßige Albträume mit einem hohen Gehalt negativer Emotionen. Studien konnten zeigen, dass wiederholte Albträume mit einem erhöhten Suizidrisiko korrelieren.

Trotz der wertvollen Informationen der Traumwelt, wird diese leider bisher noch nicht ausreichend zur Diagnostik genutzt, da die Traumanalyse bisher vor allem der Psychoanalyse zugeschrieben wurde. Doch dient diese nicht nur als Möglichkeit zu einer differenzierteren (Früh-)Erkennung von psychischen und neurodegenerativen Störungen, sondern ermöglicht auch eine Verbesserung der funktionalen Schlafqualität, zum Beispiel dank wirksamer Methoden, wie der „Imagery Rehearsal Therapy“.

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