Warum Weinen nicht sofort erleichtern muss

Autor*in:  | 12. Oktober 2026

Gračanin, A. et al. (2015)

Warum Weinen nicht sofort erleichtern muss

Nach dem Weinen fühlt man sich besser – diese Vorstellung ist weit verbreitet. Doch vielleicht kennen Sie auch das Gegenteil: Die Tränen kommen, aber die Traurigkeit bleibt zunächst. Eine Studie von Gračanin und seinen Kolleg:innen (2015) zeigt, warum es sich lohnt, genauer hinzusehen. Wie Menschen sich nach dem Weinen fühlen, könnte auch davon abhängen, wann man sie danach fragt.

Die Forschenden beschäftigten sich mit einem scheinbaren Widerspruch: Wenn Menschen rückblickend über das Weinen berichten, beschreiben sie häufig Erleichterung. In Laborstudien, die die Stimmung direkt nach einem emotionalen Film erfassen, fühlen sich Personen, die geweint haben, dagegen oft schlechter. Die Frage war deshalb, ob sich die Stimmung mit etwas zeitlichem Abstand verändert.

Dazu sahen sich Studierende einen emotionalen Film an und bewerteten ihre Stimmung davor, unmittelbar danach sowie 20 und 90 Minuten später. In die Auswertung gingen 60 Personen ein, von denen 28 während des Films geweint hatten.

Bei diesen Personen zeigte sich ein zeitlicher Verlauf: Direkt nach dem Film war ihre Stimmung negativer als zuvor. Nach 20 Minuten lag sie wieder ungefähr auf dem Ausgangsniveau. Nach 90 Minuten berichteten sie im Durchschnitt sogar weniger negative Gefühle als vor dem Film. Bei den Teilnehmenden, die nicht geweint hatten, zeigte sich keine vergleichbare Veränderung der Stimmung.

Das Interessante daran ist weniger die genaue Minutenzahl als die Entwicklung: Eine mögliche Erleichterung muss offenbar nicht unmittelbar eintreten. Wer direkt nach dem Weinen gefragt wird, kann sein Befinden anders beschreiben als mit etwas Abstand. Das könnte erklären, warum Studien zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen und Menschen rückblickend dennoch von einer entlastenden Erfahrung berichten.

Die Untersuchung beweist allerdings nicht, dass die Tränen selbst die spätere Verbesserung verursacht haben. Die Teilnehmenden wurden danach verglichen, ob sie von sich aus weinten oder nicht. Persönliche Unterschiede oder andere Vorgänge nach dem Film könnten ebenfalls eine Rolle gespielt haben. Zudem lässt sich das Weinen bei einem Film nicht ohne Weiteres auf belastende Alltagserfahrungen übertragen.

Für den Umgang mit den eigenen Gefühlen lässt sich daraus vor allem eine behutsame Anregung mitnehmen: Weinen muss sich nicht sofort erleichternd anfühlen. Die beobachteten 90 Minuten sind kein Zeitplan, nach dem es einem besser gehen sollte. Tränen dürfen da sein, ohne etwas Bestimmtes bewirken zu müssen. Und auch wenn sie ausbleiben, muss man sie nicht erzwingen.

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