Solidarität statt Zuschauen: Wie wir den Bystander-Effekt überwinden und helfen können.

Autor*in:  | 24. November 2023

Alle, K. & Mayerl, J. (2010)

Leitartikel: Der Bystander-Effekt in alltäglichen Hilfesituationen: Ein nicht-reaktives Feldexperiment.

Der Artikel behandelt das Phänomen des Bystander-Effekts, bei dem die Wahrscheinlichkeit, dass jemand in einem Notfall Hilfe leistet, paradoxerweise abnimmt, je mehr potenzielle Helfer anwesend sind. Dieses Verhalten wird durch verschiedene Faktoren wie pluralistische Ignoranz, Verantwortungsdiffusion und Bewertungsangst beeinflusst. Ein prominentes Beispiel für den Bystander-Effekt ist der tragische Fall von Kitty Genovese im Jahr 1964, als 38 Zeugen untätig blieben, während sie vor ihren Augen ermordet wurde.

Die vorliegende Arbeit untersucht, wie die Anwesenheit Dritter das Hilfeverhalten in alltäglichen Hilfesituationen beeinflusst.

Dabei wird das fünf-stufige Entscheidungsmodell in Hilfesituationen nach Latané und Darley (1968) verwendet.

Schritt 1: Wahrnehmung der Situation

Schritt 2: Interpretation der Situation
Handelt es sich wirklich um einen Notfall beziehungsweise benötigt die betroffene Person tatsächlich Hilfe? Interessanterweise verringert sich die Wahrscheinlichkeit einer Hilfeleistung, wenn mehrere potenzielle Helfer anwesend sind und diese beobachten, dass sich die anderen ebenfalls passiv verhalten. Dieses zurückhaltende Verhalten der anderen wird oft als Anzeichen dafür gedeutet, dass die Situation möglicherweise nicht so dringend ist, um einzugreifen. Dieses Phänomen wird als pluralistische Ignoranz in Notfällen bezeichnet.

Schritt 3: Übernahme persönlicher Verantwortung
Die höchste Wahrscheinlichkeit für Hilfeleistung besteht, wenn nur ein potenzieller Helfer anwesend ist. Mit zunehmender Anzahl anwesender Personen nimmt die wahrgenommene Eigenverantwortung ab, denn die Verantwortung verteilt sich auf die anwesenden potenziellen Helfer (Verantwortungsdiffusion).

Schritt 4: Einschätzung der Fähigkeit zum Helfen
Die Angst davor, in Notsituationen nicht kompetent genug oder sogar unangemessen zu handeln wird als Bewertungsangst bezeichnet.

Schritt 5: Abwägen von Kosten und Entscheidung zum Hilfeverhalten
Die Entscheidung zur Hilfeleistung ist immer auch abhängig von den subjektiv wahrgenommenen Kosten der helfenden Person. Vor- und Nachteile werden abgeschätzt, zum Beispiel der materielle und zeitliche Aufwand oder sogar eine potentielle Gefährdung der eigenen Person. Auf der anderen Seite besteht häufig die Angst vor einer Verletzung des eigenen Selbstbildes oder soziale Ächtung sowie natürlich die Hilfsbedürftigkeit der betroffenen Person. Es wird schließlich eine entsprechende Kosten-Nutzen-Bilanz erstellt, nach welcher gehandelt wird.

Der Bystander-Effekt ist ein häufig untersuchtes Phänomen, die meisten Studien beziehen sich jedoch auf „gefährliche“ nicht-alltägliche Notsituationen, wie zum Beispiel epileptische Anfälle, Feuer, sexuelle Belästigung oder andere Straftaten wie Diebstahl.
Ziel der vorliegenden Untersuchung ist es daher, den Fokus auf eine alltägliche Hilfesituation zu legen. Hierfür wurden 80 ProbandInnen in einem Feldexperiment beobachtet, wie sie sich verhalten, wenn einer Person auf einem Supermarktparkplatz ein prall gefüllte Einkaufskiste aufplatzt.

Als Ergebnis zeigte sich, dass in jener alltäglichen Situation der Bystander-Effekt zwar nicht deutlich beobachtet werden konnte, wenn alle Teilnehmenden in die Analyse einbezogen wurden, jedoch sehr wohl, wenn nach dem Geschlecht differenziert wurde. Die Anwesenheit Dritter hatte lediglich bei weiblichen ProbandInnen hemmende Auswirkungen sowohl auf den Anteil an Hilfe als auch auf die Reaktionszeit, was von den Autorinnen zuvor bereits vermutet wurde.

Erklärt werden kann dieses Phänomen vermutlich mit geschlechtertypischen Rollenbildern. Frauen neigen in derartigen Situationen möglicherweise dazu, auf das gewohnte rollenspezifische Verhaltensrepertoire zurückzugreifen, während Männer unter verstärktem Druck stehen, das von ihnen erwartete „Kavaliersverhalten“ zu zeigen.

Zusammenfassend verdeutlicht die Studie die komplexen psychologischen Mechanismen, die das Hilfeverhalten in Notfallsituationen beeinflussen können. Die Kenntnis von bereits untersuchten Prozessen wie dem Bystander-Effekt kann bereits dabei helfen, in derartigen Situationen die eigenen Verhaltensmuster besser zu reflektieren und entsprechend zu reagieren.

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