Gefühle vor Kindern verstecken – schützt das wirklich?

Karnilowicz, H. R., Waters, S. F. & Mendes, W. B. (2019)
Gefühle vor Kindern verstecken – schützt das wirklich?
Viele Eltern möchten ihre Kinder nicht mit der eigenen Traurigkeit, Anspannung oder Überforderung belasten. Deshalb versuchen sie manchmal, negative Gefühle vollständig zu verbergen. Eine Studie untersuchte, wie sich dieses bewusste Unterdrücken von Emotionen auf eine gemeinsame Eltern-Kind-Interaktion auswirkt.
Für die Untersuchung wurden 104 Eltern-Kind-Paare ausgewertet. Die Kinder waren zwischen sieben und elf Jahre alt. Zunächst mussten die Eltern eine belastende Aufgabe bewältigen. Anschließend wurden sie zufällig einer von zwei Gruppen zugeteilt: Eine Gruppe sollte während des Kontakts mit dem Kind sämtliche Gefühle verbergen, während sich die andere Gruppe möglichst natürlich verhalten sollte.
Danach bauten Eltern und Kinder gemeinsam ein Legohaus. Das Kind kannte die Bauanleitung und musste den Eltern erklären, wie das Haus zusammengesetzt werden sollte. Unabhängige Beobachter:innen beurteilten anschließend unter anderem Stimmung, Wärme, Aufmerksamkeit, Unterstützung und die Qualität der Zusammenarbeit.
Wenn Eltern ihre Gefühle bewusst unterdrückten, wirkten sie weniger positiv und unterstützten ihre Kinder weniger bei der Aufgabe. Die gesamte Interaktion erschien außerdem weniger warm, aufmerksam und harmonisch. Auch die Kinder zeigten weniger positive Stimmung. Dabei unterschieden sich die Reaktionen teilweise zwischen Müttern und Vätern: Väter wirkten beim Unterdrücken ihrer Gefühle deutlich weniger warm und aufmerksam. Bei Müttern zeigte sich die Veränderung stärker im Verhalten ihrer Kinder, die ihnen gegenüber weniger Wärme ausdrückten.
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Kinder nicht nur auf offen gezeigte Gefühle reagieren. Sie können möglicherweise auch wahrnehmen, wenn Eltern innerlich angespannt sind, aber nach außen keinerlei Emotion zeigen. Das bewusste Verbergen scheint Aufmerksamkeit zu beanspruchen und kann es dadurch erschweren, einfühlsam und präsent auf das Kind zu reagieren.
Untersucht wurde allerdings nur eine kurze, künstlich erzeugte Situation im Labor. Die Studie beschäftigte sich auch nicht ausdrücklich mit dem Weinen vor Kindern und zeigt nicht, dass Eltern jedes Gefühl ungefiltert ausdrücken sollten.
Sie macht jedoch deutlich, dass das vollständige Verbergen eigener Gefühle die gemeinsame Interaktion beeinträchtigen kann. Für eine gute gemeinsame Interaktion scheint nicht entscheidend zu sein, immer glücklich zu wirken – sondern trotz eigener Gefühle warm, aufmerksam und ansprechbar zu bleiben.

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