Gefühle zeigen kann Nähe schaffen

Srivastava, S. et al. (2009)
Gefühle zeigen kann Nähe schaffen
Gerade in neuen Situationen möchten viele Menschen ruhig, selbstsicher und unkompliziert wirken. Unsicherheit, Freude, Enttäuschung oder Überforderung werden dann lieber verborgen. Doch Gefühle zu zeigen ist ein wichtiger Teil unserer sozialen Kommunikation: Erst wenn andere erkennen können, wie es uns geht, haben sie die Möglichkeit, verständnisvoll zu reagieren und uns zu unterstützen.
Eine Studie begleitete 278 junge Menschen beim Übergang an die Universität. Die Forschenden untersuchten, wie häufig die Studienanfänger:innen ihre Gefühle nach außen hin unterdrückten. Dabei unterschieden sie zwischen einer allgemeinen Neigung, Emotionen zu verbergen, und einer zusätzlichen Zurückhaltung, die erst in der neuen Lebenssituation entstand. In den ersten zehn Wochen berichteten die Teilnehmenden regelmäßig über ihre sozialen Erfahrungen. Am Semesterende wurden außerdem Personen aus ihrem Umfeld befragt.
Die Ergebnisse zeigen: Wer seine Gefühle häufiger verbarg, fühlte sich anderen weniger nahe, erhielt weniger Unterstützung von neuen Freund:innen und war mit seinem Sozialleben unzufriedener. Das galt nicht nur für Menschen, die generell wenig von ihren Emotionen zeigten. Auch wer erst nach dem Beginn des Studiums stärker damit anfing, Gefühle zu unterdrücken, machte ungünstigere soziale Erfahrungen. Diese Zusammenhänge blieben über das Semester hinweg bestehen.
Dabei wurden Menschen, die ihre Gefühle verbargen, von anderen nicht grundsätzlich als unsympathischer wahrgenommen. Sie wurden also nicht unbedingt abgelehnt. Vielmehr schien es ihnen schwerer zu fallen, Beziehungen aufzubauen, in denen echte Nähe und gegenseitige Unterstützung entstehen konnten.
Gefühle zu zeigen hilft anderen dabei, uns besser zu verstehen. Ein trauriger Gesichtsausdruck, sichtbare Nervosität oder offen gezeigte Freude vermitteln etwas darüber, was gerade in uns passiert. Werden solche Signale ständig unterdrückt, bleibt das Gegenüber eher im Unklaren und kann weniger passend reagieren. Gleichzeitig erfordert das Verbergen von Gefühlen Aufmerksamkeit und Selbstkontrolle. Dadurch stehen möglicherweise weniger innere Ressourcen zur Verfügung, um sich offen auf ein Gespräch und auf andere Menschen einzulassen. Diese Erklärungen erscheinen plausibel, wurden in der Studie aber nicht unmittelbar untersucht.
Da die Untersuchung nur Zusammenhänge beobachtete, lässt sich nicht eindeutig beweisen, dass die Gefühlsunterdrückung die sozialen Schwierigkeiten verursachte. Außerdem wurden junge Menschen an einer einzigen Universität während einer besonderen Übergangsphase begleitet.
Das Fazit bedeutet nicht, dass wir jedes Gefühl ungefiltert aussprechen oder jederzeit alles von uns preisgeben müssen. Wie viel Offenheit sich richtig anfühlt, hängt von der Situation und vom jeweiligen Gegenüber ab. Die Studie macht jedoch deutlich, welchen sozialen Wert es haben kann, Gefühle sichtbar werden zu lassen: Wenn wir zeigen, dass wir uns freuen, unsicher, traurig oder überfordert sind, geben wir anderen die Chance, uns wirklich zu verstehen. Gefühle zu zeigen ist damit keine Schwäche – es kann der Schritt sein, durch den aus oberflächlichem Kontakt echte Nähe wird.

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