Kleine Gesten können mehr bedeuten, als wir denken

Kumar, A., & Epley, N. (2023)
Kleine Gesten können mehr bedeuten, als wir denken
Jemandem eine nette Nachricht schreiben, einen Kaffee mitbringen oder mit einer kleinen Aufmerksamkeit eine Freude machen: Manchmal entsteht eine solche Idee ganz nebenbei. Vielleicht folgt aber auch der Gedanke: Ist das nicht zu unbedeutend? Eine Forschungsarbeit von Kumar und Epley (2023) legt nahe, dass wir die positive Wirkung kleiner freundlicher Gesten auf andere häufig unterschätzen.
Die Forschenden untersuchten in mehreren Experimenten, wie Menschen die Wirkung ihrer Freundlichkeit einschätzen und wie die Empfänger:innen sie tatsächlich erleben. Dabei ging es um unterschiedliche Situationen, etwa persönliche Nachrichten und kleine Geschenke. Die Gebenden schätzten ein, wie sich die andere Person fühlen würde. Anschließend wurden diese Erwartungen mit den Angaben der Empfänger:innen verglichen.
Ein besonders anschauliches Experiment fand an einer Eislaufanlage in Chicago statt. Dort entschieden sich 75 Teilnehmende dafür, eine heiße Schokolade an eine fremde Person weiterzugeben, statt sie selbst zu behalten. Die Forschenden überbrachten das Getränk und erklärten, dass jemand freiwillig darauf verzichtet hatte, um es der anderen Person zu schenken. Danach berichteten die Beschenkten, wie sie sich fühlten und wie bedeutsam ihnen die Geste erschien.
Die Gebenden erwarteten durchaus, dass die Aufmerksamkeit gut ankommen würde. Dennoch unterschätzten sie, wie positiv sich die Beschenkten fühlten. Auch die Geste selbst erschien den Empfänger:innen größer und bedeutsamer als den Menschen, die sie ermöglicht hatten. Dieses Muster zeigte sich über verschiedene Experimente hinweg: Was aus Sicht der gebenden Person nur eine Kleinigkeit war, konnte beim Gegenüber mehr auslösen als erwartet.
Warum könnte das so sein? Weitere Experimente lieferten Hinweise darauf, dass wir beim Geben eher die konkrete Handlung oder das Geschenk betrachten. Für die empfangende Person kann zusätzlich die Zuwendung dahinter zählen. In einem Versuch berichteten Menschen beispielsweise positivere Gefühle, wenn sie einen Cupcake als freundliche Geste einer anderen Person erhielten, als wenn derselbe Cupcake eine Belohnung für die Studienteilnahme war. Die vermittelte Herzlichkeit könnte somit einen Teil der unterschätzten Wirkung erklären. Dieser Erklärungsansatz wurde allerdings nicht in allen Analysen gleichermaßen bestätigt.
Die Ergebnisse beziehen sich vor allem auf unmittelbare Reaktionen in den untersuchten Situationen. Sie bedeuten nicht, dass jede Aufmerksamkeit bei jedem Menschen gleich ankommt oder langfristig das Wohlbefinden verändert. Sie machen aber deutlich, dass wir die Freude anderer an kleinen Gesten leicht zu gering einschätzen können.
Darin liegt eine freundliche Ermutigung für den Alltag: Wenn wir jemandem etwas Gutes tun möchten, muss es nicht aufwendig oder besonders originell sein. Eine kleine, zur Person und zur Situation passende Aufmerksamkeit kann bereits etwas bedeuten. Daraus entsteht keine Verpflichtung, mehr zu geben, als gerade möglich ist. Auch die eigenen Bedürfnisse und Grenzen haben dabei Platz.

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