Geld und Genuss: Warum Wohlstand das Auskosten kleiner Freuden erschweren kann

Quoidbach, J. et al. (2010)
Geld und Genuss: Warum Wohlstand das Auskosten kleiner Freuden erschweren kann
Ein Stück Schokolade, die erste Tasse Kaffee am Morgen, ein sonniger Nachmittag: Kleine Freuden gibt es viele. Doch wie intensiv wir sie erleben, hängt auch davon ab, ob wir sie bewusst auskosten. Die Psychologie nennt diese Fähigkeit „Savoring“, also das Genießen und Verlängern positiver Gefühle. Ein Forschungsteam um Jordi Quoidbach und Elizabeth Dunn (2010) ging der Frage nach, ob Geld diese Fähigkeit schwächen kann.
Der Hintergrund: Einkommen hängt mit dem Glücksempfinden nur überraschend schwach zusammen. Eine mögliche Erklärung lautet, dass Menschen, die sich viele besondere Erlebnisse leisten können, alltägliche Freuden weniger wertschätzen. Genau das wollten die Forschenden prüfen.
In einer ersten Studie befragten sie 351 Beschäftigte einer belgischen Universität, vom Reinigungspersonal bis zur Leitungsebene. Erfasst wurden Vermögen und Einkommen, die Fähigkeit zu genießen und das Glücksempfinden. Per Zufall sah ein Teil der Teilnehmenden dabei ein Foto eines Stapels Geldscheine, die übrigen eine unkenntlich gemachte Version. Wohlhabendere Personen gaben an, positive Momente weniger auszukosten. Wer zuvor das Geldfoto gesehen hatte, erzielte ebenfalls niedrigere Werte beim Genießen. Zugleich zeigte sich: Wer gut genießen kann, ist glücklicher. Rechnete man die geringere Genussfähigkeit heraus, wurde der Zusammenhang zwischen Wohlstand und Glück sogar etwas stärker. Dieses Muster passt zu der Annahme der Autor:innen, dass Geld das Glück einerseits fördern, andererseits über eine geringere Genussfähigkeit wieder etwas schmälern könnte.
In einer zweiten Studie mit 40 Studierenden ging es um ein ganz konkretes Erlebnis: ein Stück Schokolade. Wer vorher ein Bild von Geld gesehen hatte, aß die Schokolade schneller und wirkte auf unabhängige Beobachter:innen weniger genussvoll als die Vergleichsgruppe.
Bei der Einordnung ist Vorsicht geboten. Der Zusammenhang zwischen Wohlstand und Genussfähigkeit beruht auf Selbstauskünften zu gedachten Situationen und beweist keine Ursache-Wirkungs-Beziehung. Der experimentelle Effekt des Geldfotos war zwar statistisch signifikant, aber klein. Die Stichprobe der Schokoladen-Studie war sehr klein. Zudem ließen sich Effekte solcher kurzen Geld-Erinnerungen (sogenanntes „Money Priming“) in späteren großen Replikationsprojekten häufig nicht bestätigen (z. B. Lodder et al., 2019). Die Ergebnisse sind daher eher als interessante Anregung zu verstehen denn als gesicherte Gesetzmäßigkeit.
Unabhängig davon bleibt eine gut belegte Erkenntnis: Die Fähigkeit, positive Momente bewusst wahrzunehmen und auszukosten, hängt mit mehr Wohlbefinden zusammen. Aus der übrigen Forschung zum Genießen gibt es Hinweise, dass sich diese Fähigkeit üben lässt, etwa indem man langsamer wird, mit allen Sinnen wahrnimmt oder einen schönen Moment mit anderen teilt. Vielleicht nehmen Sie sich beim nächsten Stück Schokolade einfach ein wenig mehr Zeit.

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