Warum wir Essen wollen – und wann wir es wirklich genießen

Kringelbach, M. L. (2015)
Der Duft von frischem Brot, der erste Bissen eines Lieblingsgerichts oder die Vorfreude auf ein besonderes Essen: Genuss beginnt manchmal schon, bevor wir etwas probiert haben. Doch nicht alles, worauf wir große Lust haben, schmeckt im Moment des Essens so gut wie erwartet. Wie lässt sich das erklären?
Eine wissenschaftliche Übersichtsarbeit von Morten L. Kringelbach (2015) beschäftigt sich damit, wie Genuss beim Essen entsteht. Sie beschreibt das Zusammenspiel von Sinneseindrücken, körperlichen Bedürfnissen, Erwartungen und Erfahrungen. Essen versorgt uns mit Energie und kann zugleich eine angenehme, emotional bedeutsame Erfahrung sein.
Genuss entsteht aus vielen Eindrücken
Was wir beim Essen erleben, hängt von mehr als dem Geschmack auf der Zunge ab. Auch der Geruch, die Konsistenz und das Aussehen tragen dazu bei. Das Gehirn verbindet diese Eindrücke zu einem gemeinsamen Erlebnis. Ob etwas knusprig oder cremig ist, wie es duftet und welche Erwartungen wir damit verbinden, kann beeinflussen, wie angenehm wir es empfinden.
Dabei spielen auch frühere Erfahrungen eine Rolle. Wir lernen, welche Speisen uns schmecken und welche Hinweise etwas Angenehmes ankündigen. So kann bereits der Anblick eines vertrauten Gerichts Vorfreude auslösen.
Verlangen und Genießen sind unterschiedliche Prozesse
Die Arbeit unterscheidet zwischen „Wanting“ und „Liking“. „Wanting“ bezeichnet den motivationalen Antrieb: Wir möchten etwas bekommen oder essen. „Liking“ beschreibt dagegen den Genuss, den wir beim Essen tatsächlich erleben.
Meist wirken diese Prozesse zusammen, doch sie müssen nicht gleich stark sein. Wir können etwas sehr verlockend finden, ohne es anschließend entsprechend stark zu genießen. Das Verlangen nach einer Speise ist deshalb kein zuverlässiges Maß dafür, wie angenehm das Essen selbst sein wird. Die Unterscheidung hilft, solche Alltagserfahrungen besser zu verstehen.
Warum der erste Bissen anders schmecken kann als der letzte
Genuss bleibt während einer Mahlzeit nicht unverändert. Das Gehirn berücksichtigt auch Signale aus dem Körper, etwa Hunger und zunehmende Sättigung. Eine Speise, die zu Beginn besonders angenehm schmeckt, kann im Verlauf weniger reizvoll werden.
Dabei kann vor allem die gerade gegessene Speise an Attraktivität verlieren, während etwas anderes noch verlockend erscheint. Der Genuss hängt somit sowohl von den Eigenschaften des Essens als auch von unserem momentanen körperlichen Zustand ab.
Die Übersichtsarbeit macht deutlich, wie viel beim Essen zusammenkommt: Vorfreude, sinnliches Erleben, körperliche Rückmeldungen und Lernen. Sie liefert keine Anleitung dafür, wie Menschen essen sollten, und untersucht auch keine Methode zur Steigerung des Wohlbefindens. Sie bietet vielmehr eine Erklärung dafür, warum Lust auf Essen und Genuss unterschiedlich ausfallen können – und weshalb selbst ein vertrautes Gericht nicht jedes Mal gleich erlebt wird.

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