Selbstmitgefühl im Sport

Ferguson, L. J. et al. (2015)
Selbstmitgefühl im Sport: Wie junge Athletinnen emotional schwierige Phasen bewältigen
Im Sport dreht sich vieles um Disziplin, hohe Ziele und das Überwinden von Rückschlägen. Doch jede Athletin kennt die typischen mentalen Tiefs: Ein zähes Training durch ein Leistungsplateau, eine verletzungsbedingte Pause, Fehler im Wettkampf oder das nagende Gefühl, für die Niederlage des eigenen Teams verantwortlich zu sein. In genau diesen Momenten entscheidet sich, wie wir im Kopf mit uns umgehen. Viele Sportlerinnen befürchten, dass ein verständnisvoller Umgang mit Fehlern sie träge oder nachlässig macht. Sie glauben oft, dass harte Selbstkritik zwingend notwendig ist, um die eigene Leistung anzuspornen.
Eine sportpsychologische Studie von Leah J. Ferguson und ihrem Team zeigt jedoch, dass genau das Gegenteil der Fall ist. Die Forscherinnen befragten hierzu 137 junge Athletinnen im Alter von 16 bis 25 Jahren aus verschiedenen Sportarten. In einer Online-Befragung untersuchten sie das Selbstmitgefühl (Self-Compassion) der Teilnehmerinnen sowie deren psychologisches Wohlbefinden im Sport (erfasst über Faktoren wie Autonomie, Sinnerleben, Vitalität und Körperakzeptanz). Um die Reaktionen in Krisen zu testen, versetzten sich die Sportlerinnen zudem in fünf typische, emotional schwierige Situationen aus dem Sportalltag.
Die Ergebnisse der Befragung räumen mit alten Vorurteilen auf:
Stärkung des Wohlbefindens: Athletinnen, die einen mitfühlenden, verständnisvollen und nicht-wertenden Umgang mit ihren eigenen Fehlern pflegten, wiesen gleichzeitig ein deutlich höheres psychologisches Wohlbefinden in ihrem Sport auf.
Keine Spur von Bequemlichkeit: Dieser positive Effekt lässt sich über einen klaren psychologischen Weg erklären: Selbstmitfühlende Athletinnen reagierten auf schwierige Situationen mit mehr Positivität und Durchhaltevermögen (Perseveranz). Anstatt bei Rückschlägen in eine lähmende Passivität zu verfallen, blieben sie handlungsfähig.
Die Blockade durch Selbstkritik: Wer Angst vor Selbstmitgefühl hat, neigt in schwierigen Phasen zu harten Selbstzweifeln und zieht sich eher passiv zurück. Viele Athletinnen glauben zwar, dass sie diese harte Selbstkritik als Antrieb brauchen, doch die Studiendaten zeigen das Gegenteil: Exzessive Selbstkritik bringt die Sportlerinnen nicht voran, sondern bremst den positiven Effekt von Selbstmitgefühl auf das psychische Wohlbefinden komplett aus.
Wichtige Einschränkung der Studienergebnisse: Da es sich hierbei um eine Querschnittsstudie handelt, zeigen die Daten rein statistische Zusammenhänge und liefern keinen direkten Beweis für Ursache und Wirkung (Kausalität).
Dennoch liefert die Untersuchung ein starkes Argument für die Praxis: Ein freundlicher, realistischer Blick auf sich selbst ist für junge Athletinnen in schwierigen Zeiten eine weitaus gesündere und konstruktivere Strategie als die sprichwörtliche Peitsche.

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