Die Macht unserer Umarmungen

Cohen, S., Janicki-Deverts, D., Turner, R. B., Doyle, W. J. (2015)
Fachartikel: Does Hugging Provide Stress-Buffering Social Support? A Study of Susceptibility to Upper Respiratory Infection and Illness
Virginia Satir, eine der bekanntesten Vertreterinnen der Familientherapie, prägte folgendes eindrückliches Zitat: „Wir benötigen vier Umarmungen pro Tag um zu überleben, acht um uns selbst zu versorgen und zwölf Umarmungen zum Wachstum.“ Tatsächlich trägt körperliche Nähe nicht nur zum emotionalen/psychischen Wohlbefinden bei, sondern steht auch in engem Kontakt mit körperlicher Gesundheit. Erstaunlicherweise scheinen Umarmungen sogar das Infektionsrisiko zu reduzieren und den Symptomverlauf abdämpfen, wie die vorliegende Studie zeigt.
Zentral ist in diesem Zusammenhang ist die Rolle der sozialen Unterstützung. Der Stress-Puffer-Hypothese zufolge dient soziale Unterstützung als Hilfe bei der Bewältigung von Stresssituationen. Physische und emotionale Nähe, charakterisiert durch Fürsorge, Rückversicherung und Empathie zu einer vertrauten Person, mildert Stressreaktionen, die zu Erkrankungen führen können bzw. den Körper anfälliger dafür machen.
Insbesondere Umarmungen tragen als körperliche Komponente zur wahrgenommenen sozialen Unterstützung bei und haben einen wesentlichen Effekt auf das Immunsystem: In der Studie gaben körperlich gesunde Erwachsene zunächst für die Dauer von zwei Wochen lang täglich an, ob sie in zwischenmenschliche Konflikte verwickelt waren und ob sie Umarmungen erhalten hatten. Im Anschluss wurde ihnen ein Erkältungsvirus injiziert und der Verlauf und Ausbruch der Erkrankung beobachtet.
Die Ergebnisse zeigen, dass diejenigen Menschen, die zuvor häufiger umarmt wurden, ein niedrigeres Infektionsrisiko aufwiesen. Der Stressor wirkte sich also geringer auf das Immunsystem aus. Waren die Teilnehmenden in den vorausgehenden Tagen häufiger in Streit und Konflikte verwickelt, ergaben sich zwei mögliche Szenarien: Erhielten diese Menschen zusätzlich wenig Umarmungen, so erhöhte sich das Infektionsrisiko. Erhielten sie in den Tagen davor hingegen mehr Umarmungen (trotz Konflikten und interpersonellem Stress), reduzierte sich das Infektionsrisiko.
Man kann also sagen: Soziale Nähe, insbesondere durch Umarmungen vermittelt, hat eine Stress-Pufferfunktion, die das Risiko einer Erkrankung abmildern kann. Ein triftiger Grund also, um geliebte Menschen häufiger zu umarmen.

You must be logged in to post a comment.