Mehr als positive Sätze: Wie Selbstaffirmation im Gehirn wirkt

Cascio, C. N. et al. (2016)
Mehr als positive Sätze: Wie Selbstaffirmation im Gehirn wirkt
„Ich bin stark“ oder „Ich schaffe das“ – solche Sätze werden häufig als Affirmationen bezeichnet. In der psychologischen Forschung bedeutet Selbstaffirmation jedoch etwas anderes: Menschen beschäftigen sich bewusst mit persönlichen Werten, die ihnen wichtig sind. Das kann beispielsweise die Beziehung zu Familie und Freunden, Unabhängigkeit, Kreativität oder Humor sein. Die Erinnerung an solche Werte soll den Blick auf die eigene Person erweitern und dabei helfen, mit unangenehmen oder bedrohlich wirkenden Informationen offener umzugehen.
Cascio et al. untersuchten, was während einer solchen Selbstaffirmation im Gehirn passiert. Die Teilnehmenden waren Erwachsene, die sich im Alltag eher wenig bewegten. Zunächst ordneten sie verschiedene Werte danach, wie wichtig diese für sie waren. Ein Teil der Gruppe dachte anschließend über den persönlich wichtigsten Wert nach, während sich die Kontrollgruppe mit einem weniger wichtigen Wert beschäftigte. Währenddessen wurde ihre Gehirnaktivität mithilfe funktioneller Magnetresonanztomografie gemessen. Die Teilnehmenden stellten sich sowohl vergangene als auch mögliche zukünftige Situationen vor, die mit den jeweiligen Werten verbunden waren.
Der Blick in die Zukunft macht einen Unterschied
Beim Nachdenken über wichtige persönliche Werte waren Gehirnbereiche stärker aktiv, die mit positiver Bewertung und Belohnung zusammenhängen. Besonders deutlich zeigte sich dieser Effekt, wenn die Teilnehmenden an zukünftige Situationen dachten. Dann wurden zusätzlich Bereiche stärker aktiviert, die an der Verarbeitung selbstbezogener Informationen beteiligt sind. Bei der Erinnerung an vergangene Situationen waren die Unterschiede wesentlich schwächer.
Im Anschluss erhielten alle Teilnehmenden Gesundheitsinformationen, die zu mehr Bewegung und weniger Sitzen anregen sollten. Personen aus der Selbstaffirmationsgruppe reduzierten ihr sitzendes Verhalten im folgenden Monat stärker als die Kontrollgruppe. Eine höhere Aktivität in den zuvor untersuchten Bewertungs- und Selbstverarbeitungsbereichen hing ebenfalls mit einer stärkeren Verhaltensänderung zusammen.
Warum persönliche Werte helfen könnten
Die Ergebnisse sprechen dafür, dass Selbstaffirmation persönliche Werte nicht nur bewusst macht, sondern ihnen auch eine positive Bedeutung verleiht. Wer sich daran erinnert, was im eigenen Leben wichtig ist, betrachtet eine unangenehme Gesundheitsbotschaft möglicherweise weniger als Angriff auf die eigene Person. Dadurch könnte es leichter fallen, die Information anzunehmen und das eigene Verhalten zu verändern. Der Blick auf die Zukunft scheint diesen Prozess zusätzlich zu unterstützen, weil persönliche Werte mit konkreten Zielen und möglichen zukünftigen Erfahrungen verbunden werden.
Die Studie untersuchte allerdings keine kurzen Mantras oder wiederholten Sätze, wie sie im Alltag häufig unter dem Begriff „Affirmationen“ verstanden werden. Außerdem bestand die Stichprobe ausschließlich aus Erwachsenen mit einem bewegungsarmen Lebensstil. Die Ergebnisse zeigen daher nicht, dass jede Form positiver Selbstbestärkung automatisch wirkt. Sie liefern vielmehr erste Hinweise darauf, wie das Nachdenken über wichtige persönliche Werte im Gehirn verarbeitet wird und warum besonders zukunftsgerichtete Selbstaffirmationen eine Verhaltensänderung unterstützen könnten.

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