Eine Pause vom Grübeln: Kann ein Spaziergang im Grünen helfen?

Bratman, G. N. et al. (2015)
Eine Pause vom Grübeln: Kann ein Spaziergang im Grünen helfen?
Manchmal beschäftigen uns dieselben Gedanken immer wieder. Wir gehen ein Gespräch im Kopf durch, zweifeln an uns oder fragen uns, warum wir auf eine bestimmte Weise reagiert haben. Dabei finden wir nicht unbedingt eine Antwort, sondern drehen uns gedanklich im Kreis. Kann ein Wechsel der Umgebung helfen, etwas Abstand zu gewinnen? Eine Studie von Bratman et al. (2015) untersuchte, welche Rolle ein Spaziergang in der Natur dabei spielen könnte.
Grübeln bedeutet, wiederholt über belastende Gefühle und eigene Schwierigkeiten nachzudenken, ohne dabei zu einer hilfreichen Lösung zu kommen. Die Forschenden wollten herausfinden, ob dieses selbstbezogene Gedankenkreisen nach einem Naturspaziergang abnimmt. Zusätzlich untersuchten sie Veränderungen in einer Hirnregion, die in früheren Studien unter anderem mit Grübeln und negativen, auf die eigene Person gerichteten Gedanken in Verbindung gebracht worden war.
An der Untersuchung nahmen 38 Erwachsene teil, die in städtischer Umgebung lebten und keine aktuelle oder frühere diagnostizierte psychische Erkrankung angaben. Sie wurden zufällig zwei Gruppen zugeteilt: Eine Gruppe ging 90 Minuten durch ein Naturgebiet mit Wiesen, Bäumen und Sträuchern, die andere ebenso lange entlang einer stark befahrenen Straße. Vor und nach dem Spaziergang beantworteten die Teilnehmenden Fragen zu ihrer Grübelneigung. Außerdem wurde mithilfe einer MRT-Untersuchung die Durchblutung des Gehirns als indirektes Maß seiner Aktivität erfasst.
Nach dem Spaziergang berichtete die Naturgruppe im Durchschnitt weniger Grübeln als zuvor. In der Stadtgruppe zeigte sich keine entsprechende Veränderung. Allerdings war der Unterschied zwischen den Veränderungen beider Gruppen statistisch nicht eindeutig. Die Ergebnisse zum selbst berichteten Grübeln sind deshalb als vorsichtiger Hinweis zu verstehen. In der untersuchten Hirnregion, dem subgenualen präfrontalen Kortex, zeigte sich dagegen eine statistisch abgesicherte unterschiedliche Entwicklung: Die Durchblutung nahm nach dem Naturspaziergang ab, nach dem Stadtspaziergang nicht. Da diese Region an verschiedenen psychischen Prozessen beteiligt ist, lässt sich daraus allein jedoch nicht ablesen, wie stark jemand grübelt.
Die Studie liefert damit Anhaltspunkte dafür, dass eine natürliche Umgebung helfen könnte, belastendes Gedankenkreisen vorübergehend zu unterbrechen. Offen bleibt, wie lange mögliche Veränderungen anhalten und ob sie auch bei Menschen mit psychischen Erkrankungen auftreten. Untersucht wurde zudem der Vergleich mit einer verkehrsreichen Straße – nicht mit jeder Form städtischer Umgebung.
Für den Alltag lässt sich daraus eine behutsame Anregung mitnehmen: Zeit im Grünen kann eine Gelegenheit sein, sich eine Pause zu ermöglichen. Damit muss nicht die Erwartung verbunden sein, anschließend ruhiger zu sein oder weniger nachzudenken. Die in der Studie gewählten 90 Minuten sind auch keine nachgewiesene Mindestdauer. Ob ein Naturaufenthalt gerade angenehm ist, darf vom eigenen Befinden und den persönlichen Möglichkeiten abhängen.

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